Kofo am 09. Januar 2002

Kulturstadt Essen – auch für uns ?

Referent:
Friedrich Scheitle (sh), Initiator des Augsburger Kulturprojektes

Der vollständige Text des Referates ist nachzulesen auf der Website des Augsburger Kulturprojektes: www.gl-kultur.de.

Deshalb hier nur eine kurze Zusammenfassung:

Friedrich Scheitle erklärte zuerst den Zusammenhang zwischen Kultur und Sprache und beschrieb kurz die Entwicklung der Gebärdensprache.

Das Augsburger Kulturprojekt wurde vor 3 ½ Jahren gestartet, um für Gehörlose und Schwerhörige mehr Chancengleichheit zu erreichen. Gleichzeitig sollte die Gebärdensprache gesellschaftliche Anerkennung finden. Um dieses Ziel zu erreichen, suchte man in Augsburg die Unterstützung von „Kulturträgern“ (Museumsdirektoren, Stadträte, Künstler). Diese Personen haben ein Interesse daran, dass möglichst viele Bürger Kultur nutzen. Gehörlose und schwerhörige Bürger müssen aber anklopfen und ihre Wünsche vortragen. Friedrich Scheitle bezeichnete diese Aufgabe als „Holschuld“.

Besonders für die Kinder und ihre Zukunft ist es wichtig, hier aktiv zu werden und möglichst viele Kulturangebote bereitzustellen.

Friedrich Scheitle unterschied die Begriffe „Teilnahme“ (anwesend sein) und „Teilhabe“ (aktiv mitmachen). Gehörlose Menschen brauchen Gebärdensprachdolmetscher, um Kultur aktiv zu erleben.

Friedrich Scheitle

Friedrich Scheitle

Frau Kaul (Schreibdolmetscherin)

Frau Kaul (Schreibdolmetscherin)

Bei der Organisation von gemeinsamen Kulturveranstaltungen ist die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig. Die Medien (Presse, TV, Internet usw.) können viel dazu beitragen, dass eine Veranstaltung erfolgreich verläuft.

Die Gebärdensprachler selbst aber leisten die wichtigste Öffentlichkeitsarbeit: Hörende akzeptieren Gehörlose und freuen sich über ihr Interesse. Jede gesellschaftliche Öffnung ist wichtig. Die bisherige Erfahrung zeigt: es gibt nur positive Rückmeldungen von Hörenden.


Anschließend beschrieb der Referent an einem praktischen Beispiel (Museumsführung für Gehörlose und Schwerhörige im Folkwang-Museum Essen), wie eine Museumsführung für Gehörlose und Schwerhörige geplant werden kann. Eine sorgfältige Planung muss Pressearbeit und Werbung berücksichtigen.

Für die Werbung ist es vorteilhaft, gleiche Vorlagen zu benutzen und nur die Daten zu erneuern. Herr Scheitle zeigte am Beispiel einer aktuellen Kulturwerbung aus Augsburg (Führung durch die Friedensreich Hundertwasser-Ausstellung mit Frau Bergmann / Hamburg), wie eine solche Vorlage aussehen kann.

Wichtig ist auch eine gute Zusammenarbeit zwischen Veranstalter (möglichst ein Gl-Verein oder das Kofo) und anderen Gl-Vereinen. Es wäre gut, wenn beim Kulturreferat Essen ein Arbeitsplatz für einen Kulturkoordinator geschaffen werden kann.

Ein Ausschnitt aus der Sendung „Sehen statt Hören“ (April 2001) zeigte ein Beispiel für eine Museumsführung für Gehörlose in Augsburg.

Zum Abschluss des Vortrages nannte Herr Scheitle zwei Dinge, die rechtzeitig geklärt werden müssen: die Bestellung geeigneter Dolmetscher/innen und die Finanzierung (in Bayern durch den DPWV).

Diskussion in der Pause

Diskussion in der Pause

Nach der Pause begann eine lebhafte Diskussion.

Die Moderatorin Winny Stenner bedauerte, dass in Essen trotz  wiederholten „Anklopfens“ keine Unterstützung durch die Politiker erreicht wurde. Die bisherigen Projekte müssen weitestgehend allein entwickelt, organisiert und finanziert werden.

Frau Eybe (Vorsitzende des Stadtverbandes der Essener Gl-Vereine) berichtete, dass in Essen durch die Vereine bereits Kultur-Angebote vorhanden sind, die auch gut besucht werden. So gibt es z.B. regelmäßig Museumsführungen im Folkwang-Museum. Die Verbände machen aber keine Werbung, weil ihre Mitglieder die Führungen schon zahlreich besuchen.

Frau Eybe

Frau Eybe

 

Frau Grinz

Frau Grinz

Frau Grinz (Vorstandsmitglied im DSB-Ortsverband Essen) sprach die Situation für Schwerhörige an: Viele Schwerhörige, besonders Ertaubte, können DGS nicht verstehen. Wie werden die Interessen der Schwerhörigen im Augsburger Kulturprojekt berücksichtigt ?

Herr Scheitle empfahl: auch Schwerhörige und Ertaubte sollen Gebärdensprache lernen. Dagegen protestierte Frau Grinz: von ertaubten Menschen kann man nicht verlangen, die DGS zu lernen. Schwerhörige und Ertaubte brauchen besondere technische Hilfsmittel. Herr Scheitle gab zu: Für diese Gruppe gibt es in Augsburg keine Möglichkeit.

 

Die Moderatorin fragte: Wie werden die Dolmetscherkosten in Augsburg finanziert ? Herr Scheitle erklärte die Finanzierungsregelung: In diesem Jahr sind in Augsburg 10 Kulturveranstaltungen geplant. Ende vergangenen Jahres wurde ein Antrag auf Kostenübernahme beim DPWV gestellt. Der Eintritt für Gehörlose ist frei, aber jeder Teilnehmer muss einen Eigenanteil von 2,50 EUR für die Dolmetscherkosten zahlen. Den Rest übernimmt der DPWV.

Winny Stenner (Moderatorin)

Winny Stenner (Moderatorin)

 

Herr Haug (Behindertenbeauftragter der Stadt Essen)

Herr Haug (Behindertenbeauftragter der Stadt Essen)

Herr Haug (Behindertenbeauftragter der Stadt Essen) erklärte zum Bundesgleichstellungsgesetz: Dieses Gesetz ist z.Zt. in der Beratung und soll im Mai 2002 verabschiedet werden. Die „Barrierefreiheit“ soll auch hörbehinderten Menschen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Parallel dazu müssen die Bundesländer eigene Landesgleichstellungsgesetze erlassen (Bayern und NRW haben noch kein eigenes Gleichstellungsgesetz). Diese Gesetze klären Einzelbereiche in der Zuständigkeit der Länder: z.B. die Kultur.

Die Behinderten müssen weiter aktiv sein, denn die Politik hat sich nur bewegt, weil sich die Behinderten selbst bewegt haben.

Der Diskussionsverlauf zeigte:

In Essen gibt es bereits viele Möglichkeiten für Schwerhörige und Gehörlose, die Angebote verschiedener Organisationen (Kofo, Stadtverband der GL-Vereine, DSB-Ortsverband, Förderverein "Zeichen setzen !", Kinofilme mit Untertiteln von verschiedenen Veranstaltern...) zu nutzen . Einige Veranstalter bemühen sich auch um gute Zusammenarbeit zwischen Schwerhörigen und Gehörlosen, um die Interessen aller Hörbehinderten zu berücksichtigen. Dafür ist das Kofo Essen ein Beispiel.

Es wäre aber sinnvoll, diese Angebote an einer Stelle – eine Art Info-Pool - zusammenzufassen und so eine bessere Information für alle zu erreichen. Diesen Wunsch äußerten mehrere Diskussionsteilnehmerinnen.

Ebenso muss darüber nachgedacht werden, wie die Öffentlichkeitsarbeit verbessert werden kann. Eine gute Pressearbeit kann die gesellschaftliche Anerkennung unterstützen.

HU