Kofo am 12.06.2002

„Bessere Chancen im Job – auch für Hörgeschädigte“

Referent: Hans Peters

(Rhein.-Westf. Berufskolleg für Hörgeschädigte, Essen)

 

Heute ist es selbstverständlich, dass Hörgeschädigte einen guten Berufsabschluss schaffen – ebenso wie Hörende.

Wenn man einen guten Arbeitsplatz behalten oder im Beruf aufsteigen möchte, muss man weiter lernen. Es ist sogar möglich, dass man im Laufe seines Arbeitslebens den Beruf mehrmals wechseln muss.

Deshalb hat das Kofo-Team in Essen Herrn Peters (Studiendirektor am Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg Essen und dort zuständig für den Bereich der Fort- u. Weiterbildung)  gebeten, auf einer Veranstaltung über die Fort- und Weiterbildungsangebote des Berufskollegs zu informieren. Die anschließende Diskussion – besonders zum Angebot der virtuellen Fachschule - brachte noch weitere interessante Ergänzungen:

1. Einjährige Fortbildungen

Diese Kurse sind für alle Hörgeschädigten nach ihrer Ausbildung möglich. Auch Arbeitslose können teilnehmen. Die Kosten (Fahrtkosten, Kursgebühren) übernimmt das Arbeitsamt oder das Integrationsamt.

Der Unterricht findet an 20 Samstagen statt. Kursangebote gibt es z.B. für Berufe in den Bereichen Drucktechnik, Holztechnik, Metall / Elektro und Textil.

2. Ein neues Fortbildungsangebot – der staatliche EDV-Führerschein

In 7 Modulen (eigenständige Kursteile) kann man den staatlichen EDV-Führerschein erwerben.

Die Module sind: Grundlagen der Informationstechnik und Betriebssystemfunktionen, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Datenbanken, Präsentation, Informations- und Kommunikationsnetze.

Der Unterricht in „Modulen“ hat Vorteile: Wer schon genug Kenntnisse in Teilbereichen erworben hat, muss sie nicht wiederholen. Man kann sofort dort einsteigen, wo man weiterlernen möchte. Zu jedem Modul erhält man Selbstlerntexte, die man zu Hause am PC erarbeiten muss.

Zur Zeit entwickeln die Lehrer am RWB für die einzelnen Module Prüfungsaufgaben, die auch von anderen Schulen übernommen werden. Zum Abschluss erhält man ein staatliches Zertifikat.

3. Fachoberschule 12 B:

Wer eine abgeschlossene Berufsausbildung und die Fachoberschulreife hat, kann nach einem Vollzeit-Schuljahr die Fachhochschulreife (Fachabitur) erwerben.

Es werden drei Fachrichtungen angeboten:

-         Wirtschaft und Verwaltung

-         Technik (Physik, Chemie, Biologie)

-         Sozial- und Gesundheitswesen.

Der erlernte Beruf bestimmt die Wahl der Fachrichtung.

Wenn man in der FOS eine zweite Fremdsprache –Französisch - wählt, kann man nach weiteren 2 Schuljahren die allgemeine Hochschulreife (Abitur) erwerben.

4. die virtuelle Fachschule (Modellversuch)

Arbeitnehmer, die 5 Jahre (mit Ausbildung) im Beruf gearbeitet haben und einen guten Schulabschluss hatten (Fachoberschulreife erwünscht) können sich nebenberuflich weiterqualifizieren zum Staatlich geprüften Techniker oder zum Staatlich geprüften Betriebswirt.

Gleichzeitig erwirbt man die Fachhochschulreife.

Wenn man ein unbefristetes Arbeitsverhältnis hat, übernehmen die Integrationsämter die Kosten (Internetgebühren, Reisekosten etc).

Die Weiterbildung dauert 4,5 Jahre, mit einem freiwilligen Vorkurs 5 Jahre.

Lernen muss man überwiegend zu Hause, denn die hörgeschädigten Teilnehmer wohnen im ganzen Bundesgebiet.

Gert Hommel, gehörloser Oberstudienrat und Lehrer am RWB, unterrichtet seit 2 Jahren in der virtuellen Fachschule. Er erklärt den Unterricht:

„Das Konzept der virtuellen Schule sieht eine Aufteilung in drei Bereiche vor. Ein Drittel der Ausbildung findet als Präsenzunterricht an Samstagen in Essen statt. Ein weiteres Drittel wird über Fernlehrmaterialien ähnlich wie beim Fernstudium vermittelt; diese Unterlagen sind den sprachlichen Bedürfnissen der Zielgruppe angepasst und liegen auch zum Teil als Homepage vor. Den dritten Bereich bildet der Unterricht über Internet im sogenannten ‚virtuellen Klassenraum’. Alle Teilnehmer einer Gruppe treffen sich 2 mal in der Woche von 20.00 bis 21.45 Uhr. Die eingesetzten Kommunikationsprogramme sind MS Chat und MS NetMeeting. Das Chatprogramm ermöglicht die gleichzeitige schriftliche Kommunikation zwischen Lehrer und Schülern im Unterricht. Mit NetMeeting kann man visuelle Darstellungen wie Grafiken und Arbeitsblätter einfügen. Die Teilnehmer können den Bildschirminhalt (z.B. Arbeitsblätter) direkt bearbeiten. Eine Kommunikation über Webcam mit mehreren Teilnehmern ist zur Zeit technisch noch nicht möglich.“

Auf den Präsenzunterricht möchten Lehrer und Schüler nicht verzichten. Die persönlichen Kontakte sind wichtig und besonders die gehörlosen Teilnehmer unterstützen sich untereinander sehr stark. Obwohl sie auf Freizeit verzichten und neue Arbeitsformen lernen müssen, ist die Abbruchquote gering: unter 10% (In Fachschulen für Hörende: 60%).

Ein gehörloser Teilnehmer bestätigt das: „Wir haben zuerst Fehler gemacht und mussten viel lernen. Dann klappte es besser, aber es gab ein bergauf und bergab auch auf Kosten der Partnerschaft. Wir können nicht mehr so viel Sport machen und alte Beziehungen haben gelitten – aber wir kämpfen immer weiter, um ans Ziel zu kommen. Wir helfen uns untereinander, die Lehrer gefallen uns sehr gut, sie können auch gebärden. Am besten ist unsere Zusammenarbeit, sie funktioniert sehr gut.“

Die Erfahrungen und zahlreichen Anmeldungen zeigen: Diese Form der Weiterbildung wird von hörgeschädigten Arbeitnehmern gut angenommen.

Die folgenden Weiterbildungsangebote sind nicht regelmäßig im Programm. Sie werden bei Nachfrage angeboten:

5. Angestellten-Lehrgang II

Dieser Lehrgang wurde bereits mit Erfolg durchgeführt. Hörgeschädigte Kaufleute werden vorbereitet auf eine Verwaltungsprüfung. Sie können dann in den gehobenen Dienst befördert werden.

 

6. Meisterkurse

In Spezialkursen werden Handwerker auf die Meisterprüfung vorbereitet. Die Kurse finden berufsbegleitend in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer statt. Das Integrationsamt unterstützt diese Maßnahme.

Zusätzliche Fortbildungsangebote werden gerne eingerichtet, wenn ein Bedarf besteht und wenn die Schule den Unterricht durchführen kann. Herr Peters bat die Teilnehmer, sich mit Wünschen an das RWB zu wenden.

 

links: H. Peters, rechts: DGS - Dolmetscher S. Klefeker

links: H. Peters, rechts: DGS - Dolmetscher S. Klefeker


Weitere Informationen kann man auf der Homepage der Schule erfahren:

www.rwb-essen.de

Postanschrift: Rheinisch-Westfälisches Berufskolleg für Hörgeschädigte Essen

Kerckhoffstr. 100, 45144 Essen

Fortbildungssekretariat – Frau Schmitz -  Telefax: 0201 / 4787-982; Telefon: 0201/8767



Text: Helga Ulbricht

Fotos: Frank Brüggemann