Kofo am 13.11.02

 "Kirche – nicht für mich ?!“

Thema an der Leinwand

 ReferentInnen: Ingrid König, Ulrich Schmidt, Volker Emler, Monika Greier-Morck

Alle vier ReferentInnen sind MitarbeiterInnen der Evangelischen Kirche Rheinland.


1. Zuerst berichtet Monika Greier-Morck
(hörend, Pfarrerin in Moers)
über die Entwicklung in der Gehörlosenseelsorge:

Vor 1770 hat niemand die Gehörlosen besonders beachtet. Man dachte: sie sind nicht bildungsfähig. Zuerst hat ein Priester – Abbé de l’Épee – in Paris Gebärden und Fingeralphabet entwickelt. Auch später haben Pfarrer Gebärden im Gottesdienst und im Religionsunterricht eingesetzt. Die Gebärden waren noch nicht gut, weil es keinen Unterricht zum Gebärdenlernen gab. Aber die Kirche war ein guter Treffpunkt und die Pfarrer haben sich bemüht, den Gehörlosen zu helfen und haben die Notwendigkeit der Kommunikationsform Gebärdensprache anerkannt.

Aber es war klar: der Pfarrer kümmert sich wie ein guter Vater um die Gehörlosen. Manche sagen: der Pfarrer hat die Gehörlosen bevormundet. Das war aber damals bei den Hörenden genauso.

In der Nazi-Zeit haben sich die Gehörlosenpfarrer falsch verhalten: Viele Gehörlose wurden zwangssterilisiert. Die Pastoren haben die Gehörlosen nicht geschützt. Das ist eine schlimme Schuld, die evangelische Kirche hat das zugegeben. Viele alte Gehörlose haben sich lange geschämt und nichts gesagt. Heute gibt es alte Gehörlose, die sehr traurig sind, weil sie keine Kinder haben, die ihnen jetzt im Alter helfen.

Monika Greier-Morck



 

Heute hat sich in der Gemeindearbeit vieles geändert:

Es gibt in ganz Deutschland nur 100 Gehörlosenpfarrer. In Essen ist die Situation gut, aber in vielen kleinen Städten müssen die Gehörlosen weit fahren.


Volker Emler

2. Volker Emler (hörend, Pfarrer in Essen)
erklärt
anschließend seine Angebote für Gehörlose und Schwerhörige in Essen und Umgebung:


Vor sieben Jahren hat Herr Emler diese Pfarrstelle übernommen. Für seine Arbeit hat er eine Ausbildung in Gebärdensprache und in Grundlagen der Gehörlosenpädagogik und –soziologie bekommen. Mit der Gemeindearbeit für Hörgeschädigte möchte er alle Altersgruppen erreichen.

Zuerst stellt er die Angebote für Gehörlose vor:










- Seit 4 Jahren gibt es eine Eltern-Kind-Gruppe. Gehörlose Eltern treffen sich mit ihren hörgeschädigten oder hörenden Kindern zweimal im Monat im Gemeindehaus. Sie basteln und spielen zusammen. Zweimal im Halbjahr gibt es Elternabende zu wichtigen Themen, z.B. Kinderkrankheiten oder Erziehungsprobleme. Fachleute referieren mit Gebärdensprachdolmetscher.

- In Zusammenarbeit mit PädagogInnen des Kindergartens und der Frühförderung findet einmal / Jahr ein Eltern-Kind-Wochenende statt. Wichtig ist der Austausch der Eltern untereinander und das gemeinsame Spielen.

- Herr Emler unterrichtet Religionsunterricht der Klassen 6-8 an der Hörgeschädigtenschule zur Vorbereitung auf die Konfirmation. Auch Schüler aus dem weiteren Einzugsbereich der Schule (z.B. linker Niederrhein) haben die Möglichkeit, zusammen mit ihren Eltern in Essen ihre Konfirmation zu feiern.

- Aus dem Religionsunterricht ist ein Jugendtreff für gehörlose und schwerhörige Jugendliche (13 – 17 Jahre) entstanden. 5 schwerhörige und gehörlose junge Erwachsene leiten diese Gruppe. Sie treffen sich zweimal im Monat im Jugendheim, spielen Billiard, Kicker, Tischtennis oder unterhalten sich zu bestimmten Themen. 4-5mal / Jahr findet eine Disco statt.

- Für erwachsene Gehörlose findet der „Treffpunkt“ im Gemeindehaus statt: jeden Dienstag gibt es einen Vortrag im Rahmen der Erwachsenenbildung (praktische Fragen des Lebens: wie nehme ich mit Polizei/Feuerwehr Kontakt auf, wie schreibe ich ein Testament oder eine Patientenverfügung usw.)

Ehrenamtliche gehörlose MitarbeiterInnen bereiten mit vor und sorgen für Essen und Getränke.

- Zweimal monatlich bietet Herr Emler einen Bibelgesprächskreis für interessierte Gehörlose an. Sie lesen und diskutieren über Personen aus der Bibel und die Auswirkung auf unsere heutige Zeit.

- Gottesdienste für Gehörlose gibt es jeden Monat in Essen, Oberhausen und Duisburg. Gehörlose Gottesdiensthelfer gestalten den Gottesdienst durch Gebärden mit.

- Seit 11 Jahren gibt es in einem Altenheim in Essen-Steele eine Station für Gehörlose mit z.Zt. 20 Plätzen. Dort arbeiten zwei gehörlose Mitarbeiterinnen im Rahmen der Sozialtherapie. Schwestern und Pfleger sind in Gebärdensprache geschult. Gehörlose Schüler können dort ein Praktikum machen, und ab Herbst ist das Altenheim auch Praktikumsplatz für die AltenpflegerInnen-Ausbildung in Rendsburg.

Herr Emler macht im Altenheim regelmäßig Gesprächsangebote für die Bewohner und für gehörlose Besucher.

 

Die andere Seite seiner Arbeit sind die schwerhörigen und ertaubten Menschen:

- Gottesdienste für Schwerhörige und Ertaubte mit Induktionsschleife, der Gottesdienstablauf wird auf Folien gezeigt und mit LBG gesprochen

Schwerhörige und Ertaubte sind am Gottesdienst beteiligt durch Lesungen von Texten mit Gebärden.

- Der Jugendtreff für gehörlose und schwerhörige Jugendliche wurde schon oben beschrieben.

- Die Zusammenarbeit mit dem DSB-Ortsverein Essen ist eng. Viele Veranstaltungen des Vereins finden im Gemeindehaus statt.

- Seit 11 Jahren gibt es einen Ehepaarkreis (Partner sind hörend und schwerhörig) trifft sich regelmäßig und bespricht Kommunikationsprobleme und Missverständnisse.

- Einmal im Jahr wird eine Studienfahrt für gehörlose und schwerhörige Personen angeboten.

- In Zusammenarbeit mit dem DSB-Ortsverein findet ein Seniorentreffpunkt für Schwerhörige und Ertaubte zweimal monatlich im Gemeindehaus statt.

Es gibt also in Essen viele Angebote für alle Altersgruppen. Aber ohne ehrenamtliche gehörlose und schwerhörige Mitarbeiter sind diese Angebote nicht möglich.


3. Ingrid König (gehörlos, Sozialpädagogin)
ist hauptamtliche Mitarbeiterin der Evangelischen Kirche für den Bereich Kinder- und Jugendarbeit.

Im Bereich der Evgl. Kirche Deutschland ist ihre Stelle zur Zeit die einzige. Früher gab es in Nürnberg noch den „Kinderpark“. Es fehlen Stellen für Gehörlose im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit.

Vor fast 5 Jahren hat sie in Köln angefangen. Damals gab es nur einen Mutter-Kind-Kreis, ein paar Gesellschaftsspiele und Bastelmaterial. Jetzt hat sich viel geändert:

Es gibt verschiedene Gruppen, die sich regelmäßig treffen, es gibt Freizeiten, Sonderveranstaltungen und ökonomische Veranstaltungen mit den katholischen Gehörlosengemeinden Köln/Bonn.

Ganz wichtig ist die Vermittlung von christlichen Werten wie Toleranz, Akzeptanz, Respekt, Nächstenliebe, Versöhnung etc.

Ingrid König erklärt es am Beispiel mit einem wahrnehmungsgestörten Jungen. Er verhielt sich anders und wurde schnell zum Opfer. Im Gespräch lernten die Kinder, sein Verhalten zu akzeptieren, aber ihm auch Grenzen zu zeigen. Ohne MitarbeiterInnen ist diese Arbeit nicht möglich.

Ingrid König



Anna-Maria und die Handpuppe

Anna-Maria ist seit drei Jahren dabei. Sie hat eine weitere „Mitarbeiterin“ im Arm: eine Handpuppe. Kinder lieben sie und wenn sie etwas sagt, dann wird das gerne akzeptiert.

Auch Ingrid König betonte: ohne ehrenamtliche MitarbeiterInnen läuft nichts. Viele Menschen denken: Warum soll ich meine Freizeit und Ideen ohne Geld hergeben ? – Nein danke. Die Mitarbeit ist ohne Geld, aber nicht umsonst. Man bekommt etwas zurück: fröhliche Kinderaugen sind auch ein schönes Geschenk; man kann viel eigene Erfahrung weitergeben, man kann viele Kompetenzen erwerben. Das ist bei einer Bewerbung vorteilhaft. Wenn man in der Kinder- und Jugendarbeit tätig ist, dann weiß der Chef: man hat Verantwortungsgefühl, eigene Ideen und Organisationstalent.

Ehrenamtliche MitarbeiterInnen können kostenlos an Weiterbildungsseminaren teilnehmen (Spielpädagogische Seminare, Jugendleitercard etc.).

Wer Interesse an Mitarbeit als Ehrenamtlicher hat, kann sich bei Ingrid König melden oder bei seiner eigenen Gehörlosengemeinde. Man kann auch mal reinschnuppern.


4. Zum Schluss referierte Ulrich Schmidt (gehörlos,

Vorsitzender des kirchlichen Selbsthilfeverbandes)
über ehrenamtliche Arbeit und die Aufgaben des Verbandes:


Ulrich Schmidt ist langjähriger Vorsitzender des Evangelischen Gehörlosenvereins Wuppertal-Barmen und seit 2 Jahren 1. Vorsitzender im Verband Ev. Gehörloser im Bereich Rheinland. Warum macht er ehrenamtliche Arbeit ?

Ehrenamtliche Arbeit bedeutet: viel Freizeit opfern, Vereine und Gemeinden besuchen. Aber man bekommt auch viel zurück: Anerkennung und Erfahrung. Er spürt, dass er anderen Menschen helfen kann.

Im Selbsthilfeverband sind zur Zeit 24 Gehörlosengemeinden und –vereine mit ca.1100 Mitgliedern angeschlossen. Der Verband vertritt ihre Interessen gegenüber der Landeskirche Rheinland. Zweimal im Jahr gibt es Mitarbeitertagungen für GottesdiensthelferInnen. Die Gehörlosen unterstützen den Pfarrer im Gottesdienst z.B. durch Gebärdenlieder. Der Verband bietet auch Gebärden-Schulungen für junge PfarrerInnen an. Es ist wichtig, dass die Gehörlosenseelsorger ohne Dolmetscher mit den Gehörlosen direkt in LBG oder DGS kommunizieren können. Bei jungen Gehörlosen ist DGS beliebt, aber auch die LBG ist wichtig, weil viele ältere Gehörlose am Gottesdienst teilnehmen.

Ulrich Schmidt, 1. Vorsitzender

 

 

Der Verband bemüht sich auch, dass freie Stellen durch ausgebildete GL-Seelsorger besetzt werden.

Er hält Kontakt zum landeskirchlichen Ausschuss, zur DAFEG und zum Pastorenkolleg, das alle 2 Jahre in Rengsdorf stattfindet. Zu diesen einwöchigen Seminaren treffen sich gehörlose Fachpädagogen, Gehörlosenseelsorger und ehrenamtliche Mitarbeiter.

Die Landeskirche Rheinland ist in sechs Regionen aufgeteilt: Rhein-Ruhr/ Düsseldorf und Bergisches Land / Köln / Bonn-Aachen / Rhein-Lahn-Mosel / Saar.

Die Arbeit ist vielfältig, von den Hörgeschädigtenschulen in den Regionen bis zu den Altenheimen in Solingen, Essen-Steele und Köln.


In der anschließenden Diskussion wurden viele Punkte vertieft. Die beiden gehörlosen MitarbeiterInnen im Altenheim Essen-Steele waren anwesend und konnten über ihre Arbeit berichten. Im Anschluss an die Diskussion  wurde eine Bildschirmpräsentation gezeigt über die Aktivitäten der verschiedenen Gehörlosengemeinden. Jeder Besucher erhielt zum Abschied einen kleinen Topf mit Senfkörner-Samen.

Andrea H. bericht über das Arbeitsleben

Die beiden gehörlosen Mitarbeiterinnen des Altenheimes Essen-Steele

von links nach rechts: Andrea H. und Gudrun B.



Es war ein interessanter Abend, der von den ReferentInnen sehr gut vorbereitet war.

Natürlich ist es nicht möglich, in 2 Stunden alle Fragen in Zusammenhang mit Kirche zu diskutieren. Aber alle TeilnehmerInnen haben einen guten Einblick in Kirchenarbeit heute bekommen.



Handpuppe mit Fingeralphabet "ILY"

 


Text: Helga Ulbricht

Fotos: Frank Brüggemann