Kofo am 09.04.03

  Gehörlosenkunst

Eine Annäherung am Beispiel von Fise Art

Referent: Albert Fischer (gehörlos, Maler)

 

Zum ersten Mal planten wir in Essen ein Kofo zum Thema „Kunst“ und waren gespannt, wie viele Interessenten sich einfinden würden. Wir freuten uns, dass 60 Besucher gekommen waren. Viele haben engagiert an der Diskussion teilgenommen.

Unsere Dolmetscherinnen waren: Magdalena Meisen-Jelas und Bastienne Rehe (DGS-Dolmetscherinnen der Firma Skarabee, Köln) und Gisela Kaul (Schriftdolmetscherin, Essen).

Winny Stenner übernahm die Moderation dieses Abends und stellte den Referenten und das Thema vor: Albert Fischer (Künstlername: Fise) ist aus der Nähe von München angereist, um seine Kunst zu präsentieren und mit den Teilnehmern zu diskutieren. Er malt seit 40 Jahren und ist auch unter hörenden Künstlern anerkannt. Aber erst seit einigen Jahren – im Zusammenhang mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der Gehörlosen – hat er einen eigenen Stil entwickelt: Fise Art. Diese eigene Stilrichtung bezeichnet Albert Fischer als „Gehörlosenkunst“. Es ging also um die Frage: Was ist Gehörlosenkunst eigentlich? Gibt es eigene Stilmittel und Inhalte?  

Fise begann mit einer Bildbetrachtung. Er beschrieb wichtige Merkmale seiner Kunstrichtung (Fise Art) an diesem Bild:

- es zeigt die Veränderung in der Beziehung zwischen Gehörlosen und Hörenden: von der Bevormundung zur Gleichberechtigung

- die Hände sind auffallend gemalt und zeigen die selbstbewusste Kommunikation in Gebärdensprache

- er benutzt kräftige Farben

- das Bild ist zweidimensional gemalt (ohne Perspektive).

 

Das Publikum wollte es genau wissen:

 

Was bedeutet die Farbe „Rot“? 

Das Bild drückt Aggressivität, aber auch Anpassung aus – warum? 

Es sieht aus, als ob der Hörende rechts den Gehörlosen links übertrumpft – ist es so gemeint? 

Was bedeutet das rechte gelbe Quadrat unten?

 

Fises Antworten zusammengefasst: 

Die Farbe „Rot“ bedeutet Aktivität. Zu den anderen Fragen: Kunst kann man nicht allgemeingültig erklären. Jeder Mensch hat eine andere Sicht. Fise selbst kann das Bild morgen anders erklären als heute. Wenn er ein Bild malt, denkt er nicht an die Bedeutung. Erst später kann er Abstand gewinnen und über eine Bedeutung nachdenken. Er erzählte ein Beispiel:

Tom Bierschneider hatte ihn besucht, um ein Plakat für das erste Deutsche Gehörlosen-Theaterfestival (DeGeTh) in München auszuwählen. Er entdeckte dieses Bild. Fise selbst konnte damals das Bild nicht begründen. Andere haben es erklärt und er hat die Erklärung übernommen: Das Rote ist der Theatervorhang, das Gelbe die Bühne, hier das Publikum...usw. 

Nun begann eine kontroverse und spannende Diskussion über „Gehörlosenkunst“.

 

Die Fragen aus dem Publikum waren z.B:

 

-   Muss Gehörlosenkunst ein Thema aus der GL-Welt haben?
-    Warum sind Landschaftsbilder keine GL-Kunst? Ist eine Schneelandschaft GL-Kunst, wenn ein Ohr oder eine Hand hineingemalt ist?
-    Gehörlose sind „Augenmenschen“. Sie können viel mehr wahrnehmen als Hörende und könnten diese genauere Wahrnehmung auch in ihren Bildern ausdrücken. Ist das auch Gehörlosenkunst?
-    Warum soll Gehörlosenkunst immer bestimmte Zeichen enthalten: Gebärden und Hände? Gehörlosenkunst könnte doch eine Vielfalt von Formen haben – jeder gehörlose Künstler könnte seine Situation als Gehörloser in einem individuellen Stil mit individuellen Formen ausdrücken.
-    Können Hörende auch Gehörlosenkunst machen?

 

Fises Antworten zusammengefasst:

Gehörlose nehmen die Welt und ihre Umgebung anders wahr, Hörende können es nicht genauso nachempfinden.

"Meine Gehörlosenkunst zeigt den Kampf der Gehörlosen um Gleichberechtigung. Die Kommunikation spielt dabei eine ganz wichtige Rolle. Deshalb sind die Hände ein wichtiges Merkmal. Gehörlosenkunst (Fise Art) ist – so gesehen – ein eng gefasster Begriff."

Andererseits:
"Der Begriff 'Gehörlosenkunst' ist ein Streitthema. 

Es gibt keine Festlegung.
Meine letzten Bilder zeigen eine Neuentwicklung: 

Es gibt fließende Übergänge, Grenzen werden überschritten – ich muss noch klären, ob das Gehörlosenkunst ist."

Was also ist "Gehörlosenkunst" ? 

Auf diese Frage haben wir keine feste Antwort gefunden. Es war eine Annäherung.

 

Vielen Dank an den Referenten für seine anschaulichen Beiträge, an das Publikum für die zahlreichen kritischen Nachfragen, an Winny für ihre souveräne Moderation und an die Dolmetscherinnen für ihre ganz außerordentliche Leistung.  

 

Hinweis: 

Mehr über Albert Fischer und seine Kunst kann man auf seiner Website schauen und lesen: www.fiseart.de

 

hier geht es zur Kofo-Fotogalerie: FOTOGALERIE

 

Bericht: Helga Ulbricht

Fotogalerie: Frank Brüggemann, Helga Ulbricht

Abbildungen der Gemälde mit freundl. Genehmigung des Künstlers