Kommunikationsforum am 11. Juni 2003

„Psychische Störungen bei gehörlosen und schwerhörigen Kindern und Jugendlichen“

Referentin: Dr. Ulrike Gotthardt (gehörlos)

Frau Dr. Gotthardt ist Leitende Ärztin des Behandlungszentrums für Hörgeschädigte der Westfälischen Klinik Lengerich. Der Arbeitsschwerpunkt in Lengerich ist die Erwachsenenpsychiatrie. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit Jugendlichen und einigen Kindern in der ambulanten Betreuung berichtete Frau Gotthardt auf diesem Kofo-Abend über ausgewählte psychische Störungen. Ihr Vortrag richtete sich an interessierte Laien. Ilse Grinz übernahm die Moderation, Gebärdensprachdolmetscherinnen waren Bastienne Rehe und Magdalena Meisen-Jelas (Skarabee, Köln); Schriftdolmetscherin war Gisela Kaul.  Trotz des warmen Sommerwetters war die Veranstaltung gut besucht.

Ilse Grinz eröffnet den Kofoabend. Li: Dolmetscherin Bastienne Rehe

Frau Dr. Gotthardt beginnt ihren Vortrag

Ilse Grinz (rechts) eröffnet den Kofo-Abend. Links Dolmetscherin Bastienne Rehe (Skarabee).        Frau Dr. Gotthardt beginnt ihren Vortrag.

Die besondere Sozialisation hörgeschädigter Kinder

Hörgeschädigte Kinder erleben eine schwierigere Sozialisation (= das Kind lernt, in einer Gemeinschaft zu leben). 90 Prozent haben hörende Eltern. Die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern ist oft mangelhaft. Unterhaltungen, wichtige Erklärungen, Austausch über Gefühle etc. sind oft nicht altersgemäß möglich. Daraus folgt, dass hörgeschädigte Schulabgänger oft im Bildungsstand 3-5 Jahre und in der sozialen Entwicklung 2-3 Jahre zurück sind. Die Orientierung an den Hörenden verhindert auch eine rechtzeitige Verarbeitung der Behinderung. Erst nach der Pubertät merken Gehörlose zumeist, wo ihre Grenzen liegen und lernen, ihre Behinderung zu akzeptieren. Schwerhörige erreichen diese wichtige Phase der Identifikation oft noch später. Schwerhörige Jugendliche sitzen zwischen allen Stühlen. Sie orientieren sich an Hörenden, kommen aber unter Hörenden nicht vollständig zurecht und haben keinen Zugang zu Gehörlosen. Für CI-Kinder ist die Situation ähnlich. Ärzte raten den Eltern oft von der Nutzung der Gebärdensprache ab. Neue Untersuchungen belegen aber, dass Gebärdensprache ohne Beeinträchtigung der lautsprachlichen Entwicklung genutzt werden kann.

Es wichtig, allen Kindern mit CI von Anfang an „totale Kommunikation“ zu bieten, um eine altersgemäße Kommunikation und Sozialisation zu ermöglichen. Das war auch ein Ergebnis des letzten ESMHD-Kongresses (European Society of Mental Health and Deafness) 2003 in Bad Ischl.

ca 100 Gäste waren gekommen

Frau Dr. Gotthardt referiert

Ausgewählte psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen

1. Gewalttätiges / dissoziales (= nicht sozial angepasstes) Verhalten

Die Gründe für aggressives Verhalten sind unterschiedlich:

- Ablehnung durch die Eltern, keine sichere Beziehung zu Eltern

- Schwierigkeiten, Sprache zu verstehen und sich sprachlich auszudrücken (Elternhaus und Schule)

- Schwierige soziale Situation: Armut, geringe Bildung der Eltern

- Störungen in der psychosozialen Entwicklung durch Probleme in der frühen Kindheit oder mangelnde  Kommunikation über Gefühle

- Übersteigerter Erwartungsdruck an die Kommunikationsfähigkeit – häufig bei schwerhörigen Kindern

 

Aber auch Überbehütung und starke Verwöhnung durch die Eltern kann das Kind aggressiv machen. Das Kind lernt keine Grenzen.

 

2. Sexueller Missbrauch

Es gibt viele Formen von sexuellem Missbrauch: Sexuelle Belästigung (sexuelle Beleidigungen/Witze, Genitalien zeigen, anfassen) bis zur Vergewaltigung. Missbrauch liegt immer vor, wenn eine Person nicht freiwillig mit dem Tun einverstanden ist. Untersuchungen und Berichte zeigen, dass sexuelle Gewalt gegen behinderte Mädchen und Jungen häufiger vorkommt als gegen nichtbehinderte Kinder. Die Täter fühlen sich sicherer. Sie glauben, dass behinderte Kinder sich nicht wehren und nicht davon berichten können. Die Täter sind den Betroffenen oft bekannt: Väter, Lehrer, Betreuer, Pflegeeltern. Aber auch Jugendliche missbrauchen Gleichaltrige oder jüngere Kinder. Diese Täter haben nicht gelernt, ihr Verhalten und ihre Sexualität zu kontrollieren und positiv auszuleben. Die Opfer schweigen oft viele Jahre. Dann bricht es heraus, sie sprechen darüber oder werden krank, haben Selbstmordgedanken und kommen z.B. deshalb in die Psychiatrie. Frau Dr. Gotthardt  berichtet über zunehmende Missbrauchs-Fälle, vor allem bei gehörlosen Frauen, die in ihrer Kindheit Missbrauchs-Situationen erlebten.

 

3. Sucht

Sucht ist Abhängigkeit von einem Suchtmittel: Alkohol, Arzneimittel, harte Drogen (z.B. Heroin) etc. Der Süchtige muss immer mehr konsumieren, um sich seelisch und körperlich gut zu fühlen. Er verliert schließlich die Kontrolle über den Konsum. Wenn man lange Zeit Suchtmittel konsumiert hat und plötzlich aufhört, bekommt man Entzugserscheinungen (starke Schmerzen, Unruhe, Schwitzen, Erbrechen, Durchfall). Dieser Entzug kann auch zum Tod führen. Deshalb muss man für den Entzug ins Krankenhaus. Nach 3-4 Wochen hat sich der Körper umgestellt und die Patienten fühlen sich wohler. Durch eine anschließende Therapie lernt der Patient, ohne Suchtmittel zu leben. Auch hier stellt die Referentin fest: Der Konsum von harten Drogen nimmt unter gehörlosen und schwerhörigen Jugendlichen zu.

Wie kann man psychische Störungen erkennen ? Wie soll man damit umgehen ?

Es ist auch für Fachleute schwierig, psychische Störungen zu erkennen. „Normales“ und „krankhaftes“ Verhalten gehen oft ineinander über. Angst vor bestimmten Situationen (z.B. im Straßenverkehr, vor Prüfungen) ist normal. Angst kann aber auch krankhaft sein, wenn man z.B. bei ungefährlichen Situationen (z.B. nachts zur Toilette gehen) Angst hat. Das kann ein Zeichen für eine psychische Störung sein. Wenn sich eine Person stark verändert hat (z.B. sehr traurig ist, antriebsarm, unter Schlafstörungen leidet), kann das ein Hinweis für eine Depression sein.  Viele psychisch kranke Menschen wollen nicht über ihre Probleme sprechen oder bemerken ihr verändertes Verhalten selbst nicht. Es ist gut, wenn man diese Menschen anspricht und ihnen eine Rückmeldung gibt. Wenn ein Mensch über seine Ängste erzählt, sollte man nicht sagen: „Das ist Quatsch, du brauchst doch davor keine Angst zu haben !“ Man muss ihn ernst nehmen, genauer zuhören, vielleicht ist der Grund eine psychische Störung und er braucht therapeutische Hilfe. Viele Menschen denken: eine psychische Erkrankung ist peinlich. Aber psychische Erkrankungen sind so normal wie Zuckerkrankheit oder Blinddarmentzündung. Es kann jedem passieren. 30 bis 40% aller Menschen brauchen einmal im Leben eine Form von psychologischer Hilfe. 

Nach der stationären Behandlung sind die Patienten noch nicht völlig gesund. Die Therapie muss ambulant weitergeführt werden. Ganz wichtig ist: die Integration in den Freundeskreis und in die Gehörlosen- oder Schwerhörigengemeinschaft. Gehörlose Menschen lehnen manchmal psychisch kranke Menschen ab, reden schlecht über sie – das ist nicht gut. Der Betroffene hat dann keine Chance, zurück in die Gemeinschaft zu kommen. Er braucht diese Gemeinschaft aber zur Gesundung.

Die Referentin beendete ihren Vortrag mit einer Bitte: Nehmen Sie einen psychisch kranken Menschen in Ihre Gemeinschaft auf, akzeptieren Sie ihn. Stellen Sie sich vor: sie selbst sind krank – Sie brauchen auch die Hilfe durch die Gemeinschaft und möchten nicht Ablehnung erfahren.

In der Pause
auf dem Vorplatz des Internats
auf dem Vorplatz des Internats

In der Pause...

Trotz des warmen Sommerwetters war die Veranstaltung gut besucht.

In der anschließenden Diskussion wurden folgende Fragen gestellt:

eine Diskussionsteilnehmerin fragt kritisch nach

Frau Dr. Gotthardt antwortet

Frau Dr. Gotthardt antwortet

Ilse Grinz interessiert sich für die Situation Schwerhöriger

Gibt es unter Hörgeschädigten häufiger bestimmte psychische Erkrankungen ?

Es gibt dazu in Deutschland keine Untersuchungsergebnisse. Meine Erfahrungen zeigen aber, dass bestimmte Krankheitsbilder bei Hörgeschädigten häufiger sind (z.B. Verhaltensstörungen, Anpassungsschwierigkeiten).

Nach einer stationären Therapie ist eine ambulante Weiterbehandlung notwendig. Gibt es dafür genug Therapeuten, die mit den Patienten in Gebärdensprache kommunizieren können und Einblick in die Gehörlosenkultur haben ?

Therapeuten müssen kommunikativ bzw. gebärdensprachlich und kulturell kompetent sein. Eine Therapie mit Dolmetscher ist nicht optimal. Für die stationäre Behandlung Hörgeschädigter ist das Angebot ausreichend, aber für die ambulante Weiterbehandlung gibt es viel zu wenig geeignete Therapeuten. Dieser Bereich muss dringend ausgebaut werden. In Lengerich z.B. ist eine ambulante Betreuung für Menschen im näheren Einzugsbereich möglich.

Nach einer Untersuchung 1996 / Österreich erleben 65% der gehörlosen Frauen sexuelle Übergriffe. Können Sie diese hohe Zahl bestätigen ?

Man muss die Untersuchung genauer prüfen: Wurden psychisch kranke Gehörlose befragt ? Wie war die Befragungsmethode ? 65% ist zu hoch. Nach meinen Erfahrungen kann man von 15 bis 20 Prozent der gehörlosen Frauen sprechen.

Wie glaubwürdig sind Kinder und Jugendliche, wenn sie von sexuellem Missbrauch berichten ?

Man muss kritisch sein. Wenn Jugendliche spontan erzählen oder malen, wenn sie wiederholt davon erzählen und darunter leiden – dann stimmt es höchstwahrscheinlich. Man kann durch eine bestimmte Gesprächsführung ehrliche Antworten bekommen. Trotzdem können Fehler passieren.

Haben Schwerhörige besondere psychische Schwierigkeiten ?

Viele Schwerhörige und CI-Träger orientieren sich an der Welt der Hörenden und verstecken ihre Behinderung. Sie haben Schwierigkeiten, über ihre Probleme zu sprechen und fressen Enttäuschung und Wut in sich hinein. Plötzlich kann es zu einem Ausbruch kommen oder kompensatorisch (= ausgleichend) zu einer körperlichen Krankheit. Bei der Behandlung gibt es Schwierigkeiten: hörende Psychotherapeuten kennen oft die speziellen Schwierigkeiten schwerhöriger Menschen nicht. Es gibt aber kein spezielles Therapie-Angebot für Schwerhörige. Es wäre besser, wenn Schwerhörige offen für andere Kommunikationsformen sind und sich mit Gehörlosen zusammenschließen, d.h. auch eine gemeinsame Behandlung vermehrt zulassen könnten.

Um 21 Uhr beendete die Moderatorin die Veranstaltung. Es war uns klar, dass man in 2 Stunden dieses interessante Thema nicht umfassend diskutieren kann. Sicherlich sind noch viele Fragen offen geblieben.

Frau Dr. Gotthardt wies noch darauf hin, dass das Behandlungszentrum für Hörgeschädigte in Lengerich regelmäßig alle 2 Jahre einen Tag der Offenen Tür anbietet. Der nächste Termin ist am 28. Juni 2003. Man kann an Vorträgen teilnehmen, die Stationen besichtigen und mit den MitarbeiterInnen sprechen.

 

 

 

 

Adresse:

Westfälische Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie Lengerich, Behandlungszentrum für Hörgeschädigte, Parkallee 10, 49525 Lengerich

Tel: 05481 / 12-0

Fax: 05481 / 12-465

Bericht: Helga Ulbricht

Fotos: Frank Brüggemann