Kommunikationsforum am 14. Mai 2003

Gehörlose Bürger in Ostdeutschland - gestern und heute

Referent: Volkmar Jaeger (gehörlos)

Am Nachmittag leitete Volkmar Jaeger einen Diskussionskreis mit Schülerinnen und Schülern des Berufskollegs für Hörgeschädigte in Essen:
Volkmar Jaeger in der Diskussion mit Schülern
Die Schüler verfolgen seinen Vortrag

Volkmar Jaeger ist eine bekannte Persönlichkeit. Trotzdem möchte ich den Referenten kurz vorstellen: 

Er ist heute Vorsitzender im Stadtverband der Hörgeschädigten Leipzig, Vorstandsmitglied im Verein KuGG (Kultur und Geschichte Gehörloser) und verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Lesen statt Hören.

1928 wurde Volkmar Jaeger in Leipzig geboren und hat Nationalsozialismus, Besatzungszeit und Nachkriegsgeschichte in der DDR miterlebt. Immer engagierte er sich aktiv in Gehörlosenverbänden und war zur Wendezeit (1989/90) Mitglied im Neuen Forum und bei jeder Montagsdemo in Leipzig dabei.

Über seine Erfahrungen in der DDR vor und nach dem Mauerfall berichtete er auf unserem Kofo.

ca.100 Zuschauer sind gekommen

Hier eine Zusammenfassung des Abendvortrags. Sie kann den lebendigen Beitrag nicht ersetzen:

Wie war das Leben für Gehörlose in der DDR ?

Vor dem Bau der Mauer 1961 sind 2,7 Millionen Menschen in den Westen gegangen, darunter auch viele Gehörlose. Mit der DDR-Wirtschaft ging es bergab. Die DDR-Regierung entschloss sich deshalb, das „Schlupfloch“ zu stopfen und die Mauer zu bauen. Nun saßen alle im riesengroßen „Zoo“ fest. Gehörlose trafen sich zu Hause oder im engen Freundeskreis und haben dort gebärdet und über die Regierung gespottet. Sie haben ihre Gemeinschaft behalten. Nur wenige Gehörlose wurden Parteimitglieder.

Arbeit: Gehörlose in der DDR  hatten Arbeit – aber es gab versteckte Arbeitslosigkeit. So musste er selbst oft nur zwei Stunden am Tag arbeiten, die übrige Zeit hat er heimlich Bücher gelesen. Andere Gehörlose haben sinnlose Arbeit gemacht, z.B. einen Stapel Papier abgetragen und wieder aufgestapelt. Es gab typische Berufe für Gehörlose: Schneiderin, Tischler, später auch Zahntechniker. Aber die Auswahl war nicht groß.

Vereine: In den 50er Jahren wurde der Allgemeine Deutsche Gehörlosenverband (ADGV) gegründet. Der Staat nahm Einfluss auf die Vorstandswahlen der Verbände. Meistens waren Schwerhörige oder Hörende im Vorstand der Hörgeschädigtenvereine.  Nur Parteimitglieder durften an Wahlen teilnehmen. Opposition war nicht möglich. Die Vereine waren hauptsächlich Sportvereine. Volkmar Jaeger war einige Jahre parteiloser Vorsitzender der Kommission Kultur und Bildung im ADGV. Man wollte Kultur der Hörenden für Gehörlose anbieten – „Gehörlosenkultur“ war unbekannt. Diese Kommission wurde später aufgelöst. Später, auf internationalen Festivals in Bulgarien trafen sich Deutsche, Spanier, Engländer, Schweden. Die ostdeutschen Teilnehmer haben darüber viel Neues über Gehörlosenkultur erfahren.

Kommunikation: Lehrer, Eltern und Geschwister waren „vermittelnde Dolmetscher“ bei Behörden. Es war nicht gern gesehen, wenn Gehörlose vor Hörenden gebärdeten. Auch auf Veranstaltungen für Gehörlose haben gehörlose Referenten gesprochen. Ein Dolmetscher übersetzte ihren Vortrag in Gebärdensprache – nicht umgekehrt !

Winny Stenner moderiert Volkmar Jaeger berichtet

die Zuschauer verfolgen interessiert den Vortrag

Der Referent begrüßt die Zuschauer

Was passierte 1989/90 in Leipzig ?

Die Regierung unter Erich Honecker bereitete die große 40-Jahres-Feier der DDR vor.

Aber die Menschen waren immer unzufriedener: mit der Wirtschaft ging es bergab, man sah im Westfernsehen das große Warenangebot, man wollte auch bürgerliche Freiheiten und vor allem: frei reisen. Gehörlose sahen die Sendung „Sehen statt Hören“ und die Tagesschau mit Untertiteln – falls man Videotext-Zubehör von Verwandten geschmuggelt bekommen hatte.

Das Neue Forum in Leipzig wurde gegründet. Volkmar Jaeger war Mitglied. Gehörlose trafen sich jeden Montag zu Friedensgebeten in der Nikolaikirche (dort dolmetschte Pfarrer Heinz Weithaas) und zu den Montagsdemonstrationen. Ca 30 Gehörlose waren immer dabei. Am 9. Oktober gab es eine große Demonstration. Viele hatten Angst, denn man befürchtete: Jetzt werden Soldaten eingesetzt – wie damals am 17. Juni. Aber alle hielten Disziplin und ließen sich nicht provozieren. Es war eine gewaltlose Demonstration, die schließlich die DDR-Regierung zum Rücktritt zwang.

Am nächsten Morgen erfuhr Volkmar Jaeger: die Grenze ist offen.

Nach dem Mauerfall konnte jeder die Stasi-Akten einsehen. Die Gehörlosen dachten: es gibt keine Stasi-Akten über Gehörlose – die Gebärdensprache ist ja lautlos. Volkmar Jaeger erschrak, als er seine 40seitige Stasi-Akte lesen konnte. Man hatte ihn bespitzelt.

Im wiedervereinten Deutschland

Gehörlose Demonstranten hatten eine Initiativgruppe gebildet, darunter auch Volkmar Jaeger. Sie wollten den alten Taubstummenverein Leipzig neu gründen. Sie waren nicht gegen Schwerhörige, aber sie meinten, dass Gehörlose zuerst einen eigenen Verein brauchen, um ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Darüber gab es Uneinigkeit: Gehörlose und Schwerhörige zusammen in einem Verein wie bisher in der DDR – oder getrennt und die Mitgliedschaft der Gehörlosen im DGB. Die Ex-Funktionäre hatten immer noch starken Einfluss. Schließlich gewannen mit knapper Mehrheit die Befürworter der getrennten Vereine.

Gehörlose hatten einen großen Nachholbedarf. Sie wollten nach Westdeutschland und ins Ausland reisen, um Gehörlosenvereine zu besuchen und Erfahrungen zu sammeln. Aus dem Westen kamen taube Persönlichkeiten zu Vorträgen: z.B. Jürgen Stachlewitz oder Gertrud Mally. Sie hielt in Leipzig einen Vortrag über die Gebärdensprache als Fundament zur Selbstverwirklichung. Damit begeisterte sie viele Gehörlose. Volkmar Jaeger besuchte 1990 Brighton/GB. Er war erstaunt, dass Gehörlose in der Öffentlichkeit gebärdeten. Er spürte ihre Selbstsicherheit und bemerkte ihr gutes Allgemeinwissen.

Die Wiedervereinigung war auch eine entscheidende Wende für die Geschichte der Gehörlosen. Nun gab es auch in Ostdeutschland viele kulturelle Angebote für Gehörlose, neue Vereine wurden gegründet, mehr und mehr entstand ein Bewusstsein für Gebärdensprache. Der Mauerfall hat den Gehörlosen den Weg frei gegeben, sich selbst zu entfalten.

Gert stellt Fragen zur beruflichen Bildung eine Zuschauerin aus Ostdeutschland berichtet über eigene Erfahrungen Die Dolmetscherinnen Magdalena Meisen-Jelas und Bastienne Reheneben Winny Stenner (vorne)

Weitere Informationen über die Geschichte der Gehörlosen gibt es auf der Webseite des Vereins Kultur und Geschichte Gehörloser (KuGG):

http://www.kugg.de/

Wer Interesse hat, sich über Gehörlose in Leipzig zu informieren, kann in die Website des Stadtverbandes der Hörgeschädigten Leipzig schauen:

http://www.deafs-leipzig.de/ darunter ist auch eine Chronologie der Ereignisse in Leipzig:

http://www.deafs-leipzig.de/uber_uns/History/history.html

Bericht nur unter pdf-Format:
Artikel in der DGZ 8/2003, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

Bericht: Helga Ulbricht
Fotos: Helga Ulbricht und Frank Brüggemann