Kommunikationsforum am 11. Februar 2004

„Deaf History - Was bedeutet die Geschichte der Gehörlosen ?“

Referent: Helmut Vogel

Ca. 150 Besucher konnten wir an diesem Kofo-Abend begrüßen – über das große Interesse an diesem Thema haben wir uns sehr gefreut.

Als DGS-Dolmetscherinnen war wieder das bewährte Team von Skarabee (Magdalena Meisen-Jelas und Bastienne Rehe) im Einsatz. Leider gab es beim Schriftdolmetschen (zum ersten Mal) einen  technischen Fehler – wir bitten die ZuschauerInnen um Entschuldigung für die Störungen.

Nach der Begrüßung durch Frank Brüggemann begann Helmut Vogel seinen umfangreichen Vortrag. Ich kann hier nur über einzelne Schwerpunkte schreiben. Die Deutsche Gehörlosen-Zeitung wird auch berichten; wer beide Berichte liest, kann sich einen guten Überblick verschaffen.

Biographie

Helmut Vogel wurde in München als gehörloses Kind gehörloser Eltern geboren. Auch seine Großeltern mütterlicherseits waren gehörlos. Er wuchs daher in Gehörlosenvereinen auf und erlebte das Gehörlos-Sein als völlig normal. Schon früh interessierten ihn die Erzählungen älterer Gehörloser und ganz allgemein die Geschichte. Nach dem Abitur in Essen studierte Helmut Vogel  Erziehungswissenschaften, Geschichte und Gebärdensprache in Hamburg. Am Institut für Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser arbeitete er als studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Renate Fischer. Sie brachte einen neuen Zweig der Geschichtsforschung von den USA nach Deutschland: die „Deaf History“.

Helmut Vogel beendete sein Studium mit einer Magisterarbeit zum Thema Gehörlosenbildung im 19. Jahrhundert.

Heute arbeitet er als freiberuflicher Dozent und forscht und engagiert sich ehrenamtlich für die Deaf History. Seit 3 Jahren ist er erster Vorsitzender des Vereins „Kultur und Geschichte Gehörloser e.V.“ (KuGG).

Helmut Vogel auf dem Podium

Deaf History – Anfänge in den USA

1960 bewies William Stokoe (hörender Linguist an der Gallaudet-Universität): die Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache. Sie besteht aus bedeutungsunterscheidenden Teilen, genau wie Lautsprachen auch. Bei Lautsprachen sind es Konsonanten oder Vokale (z.B. Butter / Mutter) – bei Gebärdensprachen z.B. Handstellung oder Ausführungsort. Diese Entdeckung trug sehr zur Entwicklung eines Selbstbewusstseins, besonders unter den jungen Gehörlosen bei. Professor Prillwitz / Hamburg übernahm in den achtziger Jahren diese amerikanischen Untersuchungsergebnisse und übertrug sie auf die Deutsche Gebärdensprache.

1980 veröffentlichte Jack Gannon, ein gehörloser Professor der Gallaudet-Universität, ein 2-bändiges Geschichtsbuch: „Deaf Heritage. A Narrative History of Deaf America“ (Das Erbe der Gehörlosen – eine erzählende Geschichte über die Gehörlosen in Amerika). Gannon hat die Unterlagen über die Studierenden in Gallaudet seit 1863 gesichtet und darüber geschrieben: über gehörlose Bildhauer, Pädagogen, Vereinsgründer...  Sein Buch erregte Aufsehen und war Anstoß für eine weltweite emanzipatorische Bewegung, die später unter dem Namen „Deaf History“ bekannt wurde.

Deshalb gehören „wiederentdeckte“ Gebärdensprache und die Deaf History zusammen. Gehörlose haben begriffen: Sie selbst besitzen eine vollwertige Sprache und eine gemeinsame Geschichte. Sie nahmen sich anders wahr und machten sich Gedanken über ihre Sprache, Identität, Kultur und Geschichte. So entwickelten sie ein eigenes Selbstbewusstsein.

Vier Jahre später kam ein weiteres erfolgreiches Buch auf den Markt: Harlan Lane, When the mind hears. In Deutschland erschien das Buch unter dem Titel: „Mit der Seele hören“, diese Übersetzung passt nicht richtig. Mind bedeutet hier: Verstand, Geist. Denn der Verstand ist wichtig, nicht das Hören. Harlan Lane, hörender Sprachwissenschaftler und Psychologe, beschrieb die Lebenssituation Gehörloser in Frankreich und in den USA im 19. Jahrhundert. Die erste Gehörlosenschule in den USA wurde von einem französischen gehörlosen Lehrer gegründet: Laurent Clerc. Harlan Lane schlüpfte in die Rolle des Laurent Clerc und schrieb sein Buch aus der Sicht dieses gehörlosen Lehrers. Die Veröffentlichung seines Buches in den USA und später in Deutschland hatte Auswirkungen: Gehörlose (und unterstützende Hörende) sahen, dass es eine andere Geschichtsschreibung gibt als die Darstellung der Gehörlosenpädagogen in den letzten 100 Jahren.

Deaf History wurde zu einem wichtigen Forschungsbereich. 1991 wurde zum ersten Mal eine Tagung der Deaf History International (DHI) in Washington D.C. durchgeführt.

150 ZuschauerInnen

Entwicklung in Deutschland

Auf dieser Tagung in Washington nahm auch Frau Prof. Dr. Renate Fischer aus Hamburg teil. Sie brachte die Ideen mit nach Deutschland und begann am Institut für Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser in Hamburg über die Geschichte der Gehörlosen in Deutschland zu forschen. Ein Beispiel war ihr Projekt über Hugo von Schütz, dem einzigen gehörlosen Schulgründer in Deutschland. Er gründete 1820 die Gehörlosenschule in Bad Camberg.

1994 organisierte Frau Fischer mit gehörlosen und hörenden Mitarbeitern des Instituts die zweite Tagung des Deaf History International (DHI) in Hamburg.

Zwei Jahre später wurde in Leipzig die „Deaf History – Interessengruppe zur Geschichte der Gehörlosen“ gegründet. Führendes Gründungsmitglied war Jochen Muhs (Berlin). Er ist den vielen bekannt durch seine Forschungen der jüngeren deutsche Geschichte: Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg. Es war damals eine lockere Vereinigung – ohne Mitgliedsbeiträge. Man traf sich alle 2-3 Jahre. 2001 wurde diese Gruppe mit dem Verein „Kultur und Geschichte Gehörloser e.V.“ zusammengeschlossen. Dieser Verein ist aus der 1993 vom Deutschen Gehörlosen-Bund gegründeten  „Interessengemeinschaft zur Förderung der Kultur Gehörloser“ hervorgegangen und trägt seit 1998 den obengenannten Namen. Beim Zusammenschluss wurde Helmut Vogel zum ersten Vorsitzenden gewählt. Die nächste Jahrestagung und Mitgliederversammlung mit Vorstandswahl findet vom 4. – 6. Juni 2004 in Heidelberg statt.

Verschiedene Forschungsergebnisse in Deutschland

Ein Beispiel ist Eduard Fürstenberg: Er hat 1848 in Deutschland den ersten Gehörlosenverein gegründet. Ab 1872 gab der Verein auch die erste Gehörlosen-Zeitung heraus: „Der Taubstummenfreund“. Der Anlass ist interessant: Damals fand in Berlin jedes Jahr ein großes Kirchenfest statt. Der deutsche Kaiser Wilhelm I. ermöglichte es den Gehörlosen, kostenlos mit dem Zug nach Berlin zum Kirchenfest zu fahren. Über 1000 Gehörlose kamen, fanden es angenehm und tauschten sich aus... 15 Jahre lang jedes Jahr. Später traf man sich weiter regional. Es gab auch mehrere internationale Gehörlosenkongresse mit unterschiedlichen Themen: Schule, Kindergarten, internationale Kontakte usw. „Der Taubstummenfreund“ berichtete über diese Ereignisse.

In Hamburg oder Leipzig kann man diese Zeitschrift heute noch im Archiv lesen.

Publikum          Publikum

Helmut Vogel interessierte sich besonders über die Gehörlosenpädagogik in Deutschland vor dem Mailänder Kongress 1880. Damals benutzte man in den Gehörlosenschulen die „kombinierte Methode“ - eine Mischung aus Lautsprache und Gebärdensprache. Es gab auch mehrere gehörlose Lehrer. Leider hat sich später die orale Methode durchgesetzt und gehörlose Lehrer konnten nicht mehr unterrichten.

Über diese Zeit gibt es interessante Literatur von Gehörlosen selbst, z.B. von Otto Friedrich Kruse. Er hat selbst ca. 10 Bücher geschrieben.

Helmut Vogel referiert        Helmut Vogel referiert

Helmut Vogel hätte sicher noch 2 Stunden weiter erzählen können – es wäre nicht langweilig geworden. Aber zu jedem Kofo gehört eine Diskussion, deshalb musste er seinen Vortrag leider etwas abkürzen.

Zum Schluss gab er noch folgende Informationen:

  • Vom 4.-6. Juni 2004 findet in Heidelberg die 2. Jahrestagung des KuGG statt: „Wege zum Verstehen der Gehörlosenkultur“. Referenten aus England, Griechenland und Hamburg werden Vorträge halten.

  • Der Vortrag heute ist eine Einführung. Helmut Vogel würde sich über  Interessenten freuen, die mitarbeiten möchten. Er ist freiberuflicher Dozent und bietet Vorträge und Schulungen zum Thema Deaf History an. Anbei die Themenliste

  • Der Verein KuGG möchte auch in den Gehörlosenschulen über das Thema berichten. Gehörlose Kinder sollen Erwachsene erleben, die zu ihrer Geschichte etwas zu sagen haben.

  • Über die Geschichte der Gehörlosenbildung und über Gehörlosenkultur kann man Artikel des Referenten aus dem Internet herunterladen.

Diskussion

 

Gibt es ein Buch über die Geschichte der Gehörlosen in Deutschland ?

HV: Es ist geplant, ein solches Buch herauszugeben.

 

1991 war ich bereits im Fachausschuss für Kultur tätig. Es fehlte ein Archiv über Literatur und Theater. Hat man jetzt damit angefangen ?

HV: In Hamburg wurde viel gesammelt. U.a. Horst Biesold war dort tätig. Seine Sammlung über die Nazi-Zeit hat er an die Universität Hamburg gegeben. Es wäre wichtig, alle gesammelte Literatur an ein besonderes Institut für Deaf History zu geben – aber es braucht Zeit und Geld. Wir müssen Politiker überzeugen, uns zu fördern.

 

Wir müssen Bücher herausgeben als Reihe, die man in jeder Buchhandlung kaufen kann.

HV: Ja, eine Schriftenreihe wurde angefangen, über Heidsiek und Wilke. Es gibt aber noch keine Fortführung. Die Idee bleibt, aber ich weiß nicht, wann ich das alles neben Forschung und Vorträgen machen soll.

Diskussionsteilnehmer    Diskussionsteilnehmer

Gibt es ein Museum für Gehörlosengeschichte / für den Gehörlosenbereich ?

HV: Das wäre schön, in Amerika gibt es eine Wanderausstellung.

Tipps von Diskussionsteilnehmern:

  • Es gibt in Trondheim/Norwegen ein Museum (Norwegisches Museum der Gehörlosengeschichte)

  • In Leipzig gibt es eine Bibliothek und eine kleine Ausstellung

  • In Friedrichshafen / Bodensee gibt es ein Museum mit einem Ausstellungsraum über Schulbildung gehörloser Kinder

  • Im Deutschen Museum in München gibt es einen Ausstellungsbereich über technische Hilfen für Hörbehinderte (Schreibtelefon, Hörgerät, Blitzlichtanlagen)

  • In Bad Camberg gibt es eine Ausstellung über die Gehörlosenschule Bad Camberg innerhalb des Heimatmuseums

Wie kann man historische Quellen (z.B hier in NRW) finden ?

HV: Man kann in Zeitungen suchen. Seit 1872 gibt es Gehörlosen-Zeitungen. Sie sind in Hamburg archiviert. Man kann in Stadt-, Landes- oder Bundesarchiven forschen. In der Festschrift des Deutschen Gehörlosenbundes zum 75. Jubiläum kann man auch interessante Informationen zum Thema Geschichte nachlesen.

 

Ich bin Schüler am Rhein.-Westf. Berufskolleg. Ich wünsche mir das Thema Deaf History als Unterrichtsfach.

HV: Das ist eine Superidee. Man müsste überlegen, in welcher Form das stattfinden kann: als Wahlfach oder als Teil des Geschichtsunterrichts.

 

Zum Thema Unterrichtsfach: An der Essener Hörgeschädigtenschule gibt es ein Projekt Hörgeschädigtenkunde. Ich unterrichte dort in diesem Projekt. Für den Bereich Geschichte haben wir große Schwierigkeiten, an Material zu kommen. Erst wenn man genug Material hat, könnte man das Fach einführen.

HV: Der Deutsche Gehörlosenbund hat einen Fachausschuss, der sich mit Unterrichtsinhalten beschäftigt. Es gibt Materialsammlungen, zum Beispiel die Schriften über Wilke, ihr könnt viele Informationen auch aus dem Internet herunterladen.

Leider mussten wir gegen 21.20 die interessante Diskussion schließen.

Zum Weiterstöbern empfehlen wir die Website des Vereins KuGG:

www.kugg.de

 

Helga Ulbricht

Bericht in der DGZ vom März 2004
( Bericht in der DGZ März 2004 mit freundlicher Genehmigung
der Redaktion)

Frank bedankt sich beim Referenten und beendet das Kofo