Kommunikationsforum am 14. Januar 2004

„Gesundheitsvorsorge für Frauen“

Referentin: Dr. Katharina Stoltzenberg

Moderation: Winny Stenner  

DGS-Dolmetschen: Bastienne Rehe, Esther Winking (Skarabee)

Schriftdolmetschen: Monika Widners

Zum ersten Kofo im neuen Jahr kamen überraschend viele BesucherInnen. Wir freuten uns auch über das Interesse zahlreicher Männer an diesem Thema.

Andrang vor der Veranstaltung

Winny begrüßte die Gäste und stellte die Referentin vor: Dr. Katharina Stoltzenberg ist Hebamme und Gynäkologin, sie kann selbst gebärden - wird an diesem Abend aber in Lautsprache referieren.

Winny Stenner stellt die Referentin vor
links: DGS-Dolmetscherin Esther Winking rechts: Frau Dr. Stoltzenberg

Welche Vorsorgeuntersuchungen zahlt die Krankenkasse 2004 ?

Für Männer und Frauen:

Ab 35 J: alle 2 Jahre eine allgemeine körperliche Untersuchung (Früherkennung von Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf, Nierenerkrankung)

Ab 50 J.: jedes Jahr Tastuntersuchung des Enddarms und Test auf verborgenes Blut im Stuhl (Früherkennung von Darmkrebs)

Ab 56 J.: einmalige Darmspiegelung (Früherkennung von Darmkrebs). Kontrollspiegelung nach 10 Jahren.

 

Für Frauen:

Ab 20 J.: jedes Jahr Unterleibsuntersuchung und Krebsabstrich

Ab 30 J: jedes Jahr Tastuntersuchung der Brust und der Achselhöhle. Anleitung zur Selbstuntersuchung der Brust.

Ab 50 bis 70 J.alt: alle zwei Jahre Mammographie

junges Publikum Publikum

Besuch bei der Frauenärztin:

a. Vorgespräch mit der Ärztin (die Patientin ist voll bekleidet, Ärztin und Patientin sitzen sich gegenüber). Die Ärztin stellt folgende Fragen: Warum kommen Sie ? Wann war die letzte Periode ? Wenn Sie die Pille nehmen: Vertragen Sie die Pille gut ?

b. Untersuchung auf dem gynäkologischen Stuhl

- Tastuntersuchung des Unterleibs (manchmal schmerzhaft)

- Krebsabstrich von den Zellen am Gebärmutterhals (schmerzlos). Der Krebsabstrich wird in ein Labor geschickt. Nach 1-2 Wochen ist das Ergebnis da. Nur wenn das Ergebnis auffällig (=schlecht) ist, bekommt man eine Nachricht. Dann muss die Ärztin weiter kontrollieren:

Die Zellen sind wenig verändert (Gruppe 3): Kontrollabstriche alle 3 Monate

Die Zellen sind stark verändert (Gruppe 4-5): Eine Gewebsuntersuchung ist notwendig. Ein Gewebestück wird abgeknipst (schmerzlos) oder: Ausschabung der Gebärmutter (Vollnarkose)

Zusätzliche Untersuchungen bei auffälligem Befund:

- Kolposkopie: die Ärztin untersucht den äußeren Gebärmutterhals mit einer beleuchteten Lupe

- Rektale Untersuchung: Tastuntersuchung im Darm (bei Kindern und Jungfrauen, bei schwierigen Tastbefunden).

- Ultraschall: vom Bauch aus oder durch die Scheide

 

Wenn Krebs im Gebärmutterhals gefunden wird, muss man nicht immer die Gebärmutter entfernen. Oft reicht eine Konisation = kegelförmige Ausschneidung aus dem Gebärmutterhals. Die Konistation wird im Krankenhaus (Vollnarkose) gemacht.

 

c. Untersuchung der Brust 

Frau und Ärztin stehen sich gegenüber.  Die Ärztin tastet systematisch beide Brüste und die Achselhöhlen ab. Bei auffälligem Befund zusätzlich Tastuntersuchung im Liegen.

 

Wichtig: Selbstuntersuchung der Brust

Jede Frau kann lernen selbst ihre Brust zu untersuchen. Das ist wichtig, weil 60-70% der Brustveränderungen (gutartig oder bösartig) von den Frauen selbst gefunden werden.

Wie geht die Selbstuntersuchung ?

Am besten nach der Periode (die Brust ist unauffällig):

1. vor dem Spiegel mit anliegenden Armen. Sehe ich Veränderungen der Brust: Umfang ? Form? Aussehen der Haut ?

2. beide Arme anheben: bewegen sich die Brüste mit ? Sehe ich Hautfalten ? Ist die Brust an einer Stelle eingezogen oder vorgewölbt ? Ist eine Brust verändert ?

3. Brustwarzen zusammendrücken: Tritt Flüssigkeit aus ? 

4. Beide Brüste im Uhrzeigersinn mit der flachen Hand abtasten: rechte Brust mit der linken Hand, linke Brust mit der rechten Hand. Jedes Viertel genau abtasten.

5. Dasselbe noch mal im Liegen machen.

6. Im Liegen: Achselhöhlen abtasten. Fühle ich Schwellungen ?

 

Wenn Sie Auffälligkeiten feststellen oder unsicher sind: zur Ärztin gehen. Die Ärztin kann dann weiter untersuchen:

- Mammographie (= Röntgenuntersuchung der Brust). Etwas schmerzhaft. 90 % der Tumore können gefunden werden.

- Ultraschall der Brust: Restliche 5 – 10% der Tumore können gefunden werden. 

- Probepunktion: Vor einer Operation wird immer eine Probepunktion durchgeführt. Erst unter dem Mikroskop kann man sicher erkennen, ob die Frau tatsächlich Brustkrebs hat. 

- Operation: In den meisten Fällen (70%) muss man nur den Tumor entfernen. Die Brust bleibt erhalten. Anschließend ist oft eine Bestrahlung der Brust und eine Chemotherapie notwendig. Aber Brustkrebs ist kein Todesurteil ! Bei guter Therapie sind die Überlebenschancen gut. Je früher der Krebs entdeckt wird, um so besser sind die Heilungschancen. Deshalb ist die Selbstuntersuchung der Brust so wichtig.

Pausengespräche
Pausengespräche

Nach der Pause begann die Diskussion:

Woher kommt Brustkrebs ? Was ist die Ursache ?

- Vererbung mütterlicherseits – wenn die Mutter, die Schwester, die Großmutter (mütterlicherseits) Brustkrebs hatte, dann ist das Risiko erhöht. 

- Hormontherapie: in den USA musste man eine großangelegte Untersuchung an Frauen (über die Auswirkungen von Hormontherapie in den Wechseljahren) abbrechen, weil Frauen in der Gruppe mit Hormontherapie etwas häufiger Brustkrebs bekamen als in der Kontrollgruppe ohne Hormone.

- Eventuell ist auch die Kinderzahl und das Stillen wichtig. Frauen in den Entwicklungsländern bekommen seltener Brustkrebs. 

Fragen an die Referentin Fragen an die Referentin Die Referentin antwortet

Frauen sind oft gehemmt, wenn eine Dolmetscherin beim Arztbesuch und bei der Untersuchung dabei ist. Ich finde es besser, wenn man Stift und Zettel benutzt und aufschreibt. 

Manchmal klappt das gut. Aber oft haben die Ärzte wenig Zeit oder die gehörlose Frau kann sich schriftlich nicht so gut ausdrücken. Mit Dolmetscherin ist die Verständigung schnell und sicher.

 

Viele Frauen haben Angst davor, dass die Gebärmutter oder die Brust entfernt wird. Sie befürchten, dass sie vom Partner verlassen werden.

Viele Frauen haben diese Ängste. Nach meinen Erfahrungen finden die Männer das gar nicht so schlimm.  Die Frauen aber sind in ihrem Selbstvertrauen gestört. Man kann auch Hilfe durch eine Eheberatungsstelle bekommen oder einen Therapeuten besuchen. Andere Menschen können nicht erkennen, ob eine Frau eine Brustoperation hatte, nur der Partner. Es gibt Einlagen für die Büstenhalter.

 

Eine Frau hat Gebärmutterhalskrebs. Sie möchte aber noch Kinder bekommen. 

Was kann die Ärztin tun ? 

Das ist abhängig vom Krebsbefund. Wenn man die Konisation klein ausführen kann, dann kann die Frau noch ein Kind bekommen. Der Arzt wird auch vorsichtig sein mit Strahlentherapie. Denn die Bestrahlung trifft auch die Eierstöcke und kann die Eizellen schädigen.

 

Spürt man den Gebärmutterhalskrebs ?

Nein, den Krebs spürt man leider nicht. Im Bauchraum kann sich Krebsgewebe ausbreiten, es entsteht kein Druckschmerz (anders im Kopf). Im fortgeschrittenen Stadium kann eine Blutung (außerhalb der Periode oder bei älteren Frauen) auf Krebs hinweisen. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sind ein guter Schutz.

 

Tragen die Männer auch eine Mitverantwortung ? Kann mangelnde Hygiene der Männer zu mehr Gebärmutterhalskrebs führen ?

Man weiß, dass bei Kondombenutzung oder bei stabiler Partnerschaft seltener Gebärmutterhals auftritt.

Auch Rauchen erhöht das Risiko, man weiß aber noch nicht, warum.

 

Mir musste die Gebärmutter entfernt werden. Produziert mein Körper weiter Hormone ? Wie ist das mit den Wechseljahren ?

Normalerweise bleiben die Eierstöcke im Körper. Nur die Gebärmutter wird herausoperiert. Die Eierstöcke produzieren weiter Hormone. Die Frau bekommt ganz normal ihre Wechseljahre. Sie kann sogar Menstruationsbeschwerden haben, obwohl sie keine Blutung mehr hat (Spannung in den Brüsten, Unwohlsein).

 

Warum haben einige Frauen starke Regelschmerzen – andere Frauen nicht ?

Diese Frage kann man schwer beantworten. Früher hat man gesagt: Frauen mit starken Regelschmerzen haben Probleme mit ihrem Frausein. Das stimmt nicht. Regelschmerzen können unterschiedliche Ursachen haben. Die Gebärmutter kann wachsen, es kann Verwachsungen geben. Ein kleiner Trost: Die Beschwerden verschwinden bei einigen jungen Frauen von selbst. Nach einer Schwangerschaft sind die Beschwerden seltener. 

 

Ich habe von einem neuen Verhütungsmittel gehört. Es ist ein kleiner Ring, den man in die Scheide einführt. Er bleibt 3 Wochen in der Scheide. Man nimmt ihn heraus, bekommt die Regelblutung, danach führt man ihn wieder ein.

Es gibt noch wenig Erfahrung darüber. Es ist neu auf dem Markt.

 

Was ist besser – Tampon oder Binde ?

Das ist egal. Wichtig, wenn man ein Tampon benutzt: Nicht länger als 12 Stunden in der Scheide lassen.

 

Ich war zur Krebsvorsorge. Ich wollte, dass Abstrich, Untersuchung und Ultraschall gemacht wird. Der Arzt sagte, die Ultraschalluntersuchung muss ich selbst bezahlen.

Das stimmt. Seit der Gesundheitsreform ist die Ultraschalluntersuchung nicht mehr in der Vorsorgeuntersuchung dabei. Man muss die Ultraschalluntersuchung  privat zahlen. Aber bei Schmerzen, nach Krebs oder bei Zysten bezahlt die Krankenkasse diese Untersuchung.

 

Was ist mit Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft ?

Die Krankenkasse zahlt 2 Ultraschalluntersuchungen in einer normalen Schwangerschaft. Für das Baby ist jede Ultraschalluntersuchung eine große Lärmbelastung. Man vermutet, dass es für das Baby so laut ist wie der Lärm einer U-Bahn in einem Tunnel. 2 Untersuchungen sind bei einem normalen Schwangerschaftsverlauf ausreichend.

 

Ich bin in der Dolmetscherausbildung. Wie sollen sich Dolmetscher bei Arztbesuchen verhalten ? Es gibt auch kritische Momente, z.B. bei der Untersuchung auf dem gynäkologischen Stuhl. Wie kann man diese Situation angenehm gestalten ?

Dolmetscherbegleitung ist wichtig, auch während der Untersuchung. Die Ärztin oder die Patientin kann während der Untersuchung Fragen stellen.  Natürlich ist es am besten, wenn die Ärztin selbst gebärden kann. Das ist aber eine Ausnahme. Man muss in der Dolmetscherausbildung darüber sprechen und überlegen, wie man eine solche Situation besonders für die gehörlose Frau angenehm gestalten kann. Das gilt auch für andere Arztbesuche.

Um 21 Uhr beendete Winny den offiziellen Teil. Die Referentin war anschließend noch bereit, persönliche Fragen „unter 4 Augen“ zu beantworten.

Text: Helga Ulbricht

Fotos: Frank Brüggemann

Tipp:

Hier ist eine gute Beschreibung zur Selbstuntersuchung der Brust (mit Zeichnungen)