Kofo Essen 08.02.2017

"Resilienz"

 

Simon Kollien (Dipl. Psychologe, Hamburg)

Mit ca. 100 Besuchern war die Mensa des Internats gut gefüllt, als Simon Kollien seinen Vortrag begann. Er erklärte zunächst den Betriff „Resilienz“, der in den letzten Jahren immer häufiger benutzt wurde. Im vergangenen Jahr gab es in Bern einen internationalen Fachkongress, auf dem alle Aspekte von Resilienz bei gehörlosen Menschen erörtert wurden. In der jüngeren psychologischen Forschung wird damit die Widerstandsfähigkeit eines Menschen bei psychischen Belastungen bezeichnet. Simon gebärdete den Begriff wie „dickes Fell“ und meinte, dass damit diese Eigenschaft gut gezeigt wird.

Der Referent ging im ersten Teil seines Vortrags auf negative Erfahrungen gehörloser Menschen ein, die schlimmstenfalls zu kumulativen Traumata (immer wiederkehrende Belastungen) führen können. Anschließend stellte er wissenschaftliche Studien zur Resilienz vor, wie die „Kauai-Studie“ von Emmy Werner. Die Psychologin untersuchte auf der haitischen Insel die Entwicklung von Kindern aus schwierigen familiären Verhältnissen und stellte fest, dass 1/3 der Kinder ein normales Leben mit Familie und beruflichem Erfolg geschafft haben. Man kann heute 7 „Säulen“ benennen, die wichtig sind für eine psychische Stabilität: Akzeptanz (sich selbst und andere Menschen annehmen), Lösungsorientierung (Strategien zur Problemlösung entwickeln), Netzwerk-Orientierung (soziale Kontakte knüpfen), Opferrolle verlassen (also selbst aktiv werden und nicht anderen Menschen oder den Verhältnissen die Schuld geben), Optimismus, Selbstwertgefühl und Zukunftsplanung.

Simon stellte die Frage an das Publikum, wodurch gehörlose Menschen die eigene Stabilität stärken können. Genannt wurde ehrenamtliche Arbeit im Verein, Mitgliedschaft im Sportverein, Pflege von Freundschaften und Teilnahme an kulturellen Angeboten der Gebärdensprachgemeinschaft wie das Kulturfestival. Gebärdensprache und das soziale Netz der Gebärdensprachgemeinschaft gilt als sehr wichtiger Resilienzfaktor. Um hörbehinderte Menschen mit geringer psychischer Stabilität zu unterstützen, ist Folgendes wichtig: Soziale Netzwerke für alle Hörbehinderten anbieten, Angebot von DGS- und Weiterbildungskursen für alle Menschen, die in Gebärdensprache und Allgemeinbildung nicht sicher sind, Abbau von Verhaltensweisen, die das Selbstwertgefühl verringern (z.B. Mobbing in sozialen Netzwerken).

Anschließend stellte Simon kurz die Forschungen zu „Deaf Gain“ von Bauman und Murray vor. Gehörlose Menschen haben Vorteile durch ihre Taubheit – so können sie z.B. konzentrierter und erfolgreicher visuell arbeiten als hörende Menschen. Mit einem kurzen Film (eine gespielte Klassenszene mit Marlee Matleen) wollte Simon die Wertschätzung der eigenen Taubheit in einer Klasse gehörloser Schüler zeigen:

https://www.youtube.com/watch?v=F5W604uSkrk

Der Vortrag war sehr interessant, ließ aber zu wenig Zeit zur Diskussion. Dafür gab es in der Pause anregende Gespräche. Und wer wollte, konnte die Aussprache mit dem Referenten anschließend in der Kneipe nachholen.

Kontakt zum Referenten: simon.kollien@uni-hamburg.de

Moderation:
Ralf Kirchhoff

Gebärdensprachdolmetschen:
Bastienne Blatz, Julia Beer (Skarabee)

Schriftdolmetschen:
Cornelia Krajewski, Ulrike Kretzer

Fotos:
Kofoteam